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Florian Schmitt

Eine "folkloristische" Kreuzfahrt...

LG Frankfurt, Urteil v. 19.04.1993 - 2/24 S 341/92
(NJW-RR 1993, 951)

Leitsatz:

Es stellt einen Mangel einer Kreuzfahrtreise in die Karibik dar, wenn das Kreuzfahrtschiff fast ausschließlich einer Sonderveranstaltung durch Schweizer Folkloregruppen dient, die in erheblichem Umfang das Unterhaltsungsprogramm durch Veranstaltungen mit schweizerischem Volkscharakter (Blasmusik, Jodeln, Alphornblasen, Trachtentänze, Chörli-Singen etc.) prägen, denen der Reisende nicht ausweichen kann.

Die Parteien streiten um die Minderung des Reisepreises für eine Karibikkreuzfahrt.

Aus dem Sachverhalt:

(...) In dem maßgeblichen Prospekt wird das Schiff wie folgt umschrieben:

"Die A ist ein Schiff, auf dem Sie sich sofort wohlfühlen werden. Sie hat Stil, Charme, Atmosphäre - eben das 'gewisse Etwas', das der Gast meint, wenn er später mit glänzenden Augen von der A spricht. Die schwimmende Lady aus Griechenland zählt zu jenen Kreuzfahrtschiffen, zu denen man eine persönliche Beziehung entwickelt, auf die man nach den Ausflügen gerne zurückkehrt, von der man wehmütig Abschied nimmt, wenn der letzte Hafen unwiderruflich das Ende einer schönen Kreuzfahrt signalisiert ... Im Casino, das sich anschließt, wird's vorwiegend abends lebendig, wenn die einarmigen Banditen ihr Spielchen treiben und beim Roulette die Kugel rollt. Zwischendurch mal ein bißchen Luft schnappen können Sie auf dem Sportdeck, wo sich tagsüber die Aktiven dem Trimming, Tontaubenschießen, Golf und Shuffleboard hingeben und zu später Stunde romantische Naturen im Mondenschein träumen. Auf der anderen Seite des Athens-Decks liegt der Mayfair-Salon: Hier finden die Abendprogramme statt. Folklore, Tanz, Mißwahl und Kostümfest - jeden Tag was anderes ..."

Bei Ankunft an Bord stellte sich heraus, daß von den rund 560 Passagieren des Schiffes 500 auf eine schweizer Reisegruppe entfielen, deren Reise von einem schweizerischen Folkloreverein veranstaltet wurde. Entsprechend einer Anweisung der Reederei übernahm der Reiseleiter dieses schweizerischen Folklorevereins die Gestaltung des Unterhaltungsprogrammes an Bord. Nach den vorgelegten Tagesprogrammen waren Folklore-Gruppen (Schrammelgruppen und Blaskapellen) im Einsatz. Diese Folkloreeinsätze fanden nicht nur in den Sälen und Bars, sondern auch im Freien statt, z. B. an Deck und am Schwimmbad. Die Borddurchsagen über Lautsprecher in den einzelnen Kabinen erfolgten zumindest teilweise in "Schwyzer Dütsch". Das lateinamerikanische Programm war dementsprechend reduziert. Das Unterhaltungsprogramm für einen Tag sah laut Bordzeitung beispielhaft wie folgt aus: 9.30 Uhr Trachtentanz in der Galaxi Disco auf dem Sun Deck, 10.00 Uhr Kapelle Echo vom Toedi beim Schwimmbad, 10.30 Uhr Folklorechoerli in der Galaxi Disco auf dem Sun-Deck vorne, 20.15 Uhr Rassige Unterhaltung mit Dorfspatzen Oberaegeri beim Schwimmbad auf dem Jerusalem Deck, hinten, 20.15 Uhr Tanz mit der Kapelle Echo vom Toedi im Mayfair Ballsaal auf dem Athens Deck, hinten, 22.00Uhr Kapelle Hans Muff in der Rendez Vous Bar, 22.00 Uhr Gemütlicher Folkloreabend im Mayfair Ballsaal auf dem Athens Deck.

Aus den Entscheidungsgründen

  1. Wie die Bekl. ernstlich nicht in Abrede stellt, war die Kreuzfahrt mit einem Reisemangel behaftet. Die Anwesenheit der schweizerischen Folkloregruppen und das auch von der Bekl. eingeräumte "gewisse Übergewicht" der Folkloreunterhaltung stellen eine erhebliche Abweichung von dem geschuldeten Kreuzfahrtprogramm dar. Bei einer Kreuzfahrt kann der Reisende nach der Verkehrssitte erwarten, daß ein umfangreiches Unterhaltungsprogramm in Form von Tanzveranstaltungen, Shows, Unterhaltungsabenden und sonstigen Darbietungen angeboten wird. Dieses Programm hat sich naturgemäß an der Art der Kreuzfahrt auszurichten. Bei einer Kreuzfahrt in die Karibik kann davon ausgegangen werden, daß dieses Programm der Reiseroute angepaßt ist, d. h. Palmen und südamerikanische Rhythmen berücksichtigt. Nur so sind die Prospektangaben, die von Palmen, weißem Strand und südlicher Sonne sprechen, von den Reisenden zu verstehen. Damit sind die durchgeführten Folkloreveranstaltungen der Schweizer Gruppen nicht zu vereinbaren. Diese mit Kuhglocken, Blaskapellen, Jodlern, Schweizer Dorfspatzen oder Trachtentänzen angereicherten Programme passen in die Gebirgswelt der Alpen, nicht aber in das Gebiet der Karibik und schon garnicht auf ein Kreuzfahrtschiff, bei dem der Reisende diesem einseitigen Treiben nicht ausweichen kann. Die Diskrepanz zwischen dem laut Prospekt genährten Erwartungen und der Wirklichkeit zeigt sich in der Ankündigung aus dem Prospekt der Schweizer Volksmusikfreunde, in dem es u. a. heißt:
    "Die Garantie, gut betreut, in ungezwungener Atmosphäre zusammen mit Gleichgesinnten immer wieder neue Gebiete zu entdecken und dabei beste Unterhaltung genießen zu dürfen, ist sicher der Hauptgrund, die schönsten Tage des Jahres an Bord des Folkloreschiffes zu verbringen. Meisterhaft und sauber gespielte Volks-Blasmusik sind seit jeher unser Hauptanliegen gewesen. Das garantiert Gemütlichkeit und fröhliches Beisammensein und jenes einzigartige Gefühl, in einer großen Familie geborgen zu sein."
    Die vorgelegten Bordprogramme belegen deutlich, daß nicht nur abends in einem Salon derartige Veranstaltungen stattfanden, sondern über den ganzen Tag verteilt, und zwar auch am Schwimmbad und auf den Sonnendecks. So fand bereits morgens um 9.30 Uhr ein Trachtentanz in der Galaxi Disco statt, um 10.00 Uhr präsentierte sich die Kapelle Echo vom Toedi beim Schwimmbad und um 10.30 Uhr trat ein "Folklorechoerli" in der Galaxi Disco auf.
    Bezeichnend ist auch, daß nach dem Tatbestand des Urteils bei einem mexikanischen Mitternachtsbuffet die von der Schiffsleitung gebotene karibische Musik nach wenigen Minuten durch eine schweizerische Trachtenkapelle ersetzt wurde. Selbst in den eigenen Kabinen waren die deutschen Passagiere nicht völlig von dem Treiben verschont, da die Borddurchsagen unstreitig, soweit es die schweizer Veranstaltungen betraf, durch den schweizerischen Betreuer mit Namen Bruno in "Schwyzer Dütsch" erfolgten.
  2. Die in der Berufungsbegründung der Bekl. vorgetragenen Einwendungen vermögen diese Tatsachenfeststellungen nicht zu erschüttern. Die von der Bekl. vollzählig vorgelegten Bordprogramme widerlegen das eigene Vorbringen, da sich aus ihnen der Umfang der Folkloreveranstaltungen und ihre zeitliche Ausdehnung auf den ganzen Tag ergeben. Auch die aus dem Parallelverfahren vorgelegte Aussage der deutschen Reiseleiterin D bestätigt das gleiche Ergebnis. Denn dort heißt es:
    "Es ist richtig, daß am Anfang der Reise im Ballsaal, in den Bars auf dem Sonnendeck und in der Diskothek nur alpenländische Musik und Jodler zu hören waren."
    Nach Schilderung ihrer Rücksprache mit dem Kapitän erklärt die Zeugin:
    "Es ist richtig, daß aber auch im Anschluß daran während der gesamten Reise im Ballsaal, in den Bars, auf dem Sonnendeck und in der Diskothek weiterhin nur alpenländische Musik und Jodler zu hören waren."
  3. Unerheblich ist der Einwand der Bekl., die Kl. hätten die Karibik mit Palmen, Sand und kristallklarem Wasser sehen und genießen können. Der Reisemangel liegt gerade in der Diskrepanz zwischen diesem "Karibik-Umfeld" und der gebotenen Unterhaltung. (...)
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